DOKUMENTATION

November – Zeit für einen Friedhofsspaziergang


Eine Reise zu den sehenswertesten Friedhöfen Spaniens
Kaum ein Monat eignet sich besser für einen alternativen Reisevorschlag zu einigen der sehenswertesten Friedhöfen Spaniens als der November. Dieser Monat, in dem die bunten Blätter zwischen den fast schon kahlgewordenen Ästen leise zu Boden fallen, das Licht oft trübe durch die Nebelschwaden scheint und den ein oder anderen in eine gewisse Endzeitstimmung versetzt, erweckt bei vielen Menschen die Faszination für einen Spaziergang durch die stille Welt eines Friedhofs.

Unabhängig von dieser Faszination war es vor allem das kunsthistorische Erbe, das auf vielen Friedhöfen zu finden ist, das vor einigen Jahren zur Schaffung der Europäischen Route der Friedhofskultur führte, die schon im Jahr 2011 von der Welttourismusorganisation mit dem Ulysses Preis ausgezeichnet wurde. Ihr gehören auch eine ganze Reihe sehenswerter Friedhöfe in Spanien an, die vom Norden bis in den Süden des Landes den ein oder anderen Abstecher von den üblichen touristischen Routen lohnen. Daneben locken eine Reihe kleinerer Friedhöfe, die, auch wenn sie nicht zu der ausgezeichneten Europäischen Friedhofsroute gehören, ausgesprochen sehenswert sind.

Wie eine eigene Stadt mutet der riesige Friedhof von Montjuïc in Barcelona mit seinen Türmen und Tempeln zwischen Zedernbäumen und Palmen. Entlang der breiten Wege blicken den Besuchern überdimensionale Engelsgestalten aus weißem Marmor und steinerne Dämonen zwischen den Gräbern entgegen. Dazwischen führen Treppenstufen einerseits zu großartigen Grabmälern, die wie kleine Paläste als letzte Ruhestätten für einst wohlhabende Bürger errichtet wurden, oder andererseits zu den schlichten Grabstätten der vormals weniger Betuchten. Am 17. März 1883 wurde dieser Friedhof eröffnet, der in hervorragender Weise die Stadtgeschichte hinsichtlich ihrer Architektur und Sozialstruktur widerspiegelt. Berühmte Architekten und Bildhauer hinterließen hier in dieser „Stadt der Vergänglichkeit“ ihre unvergänglichen Werke. Von Gotik über Klassizismus zum Modernismus sind sämtliche Stilrichtungen auf dem Friedhof vertreten.

Montjuïc wurde als Nachfolger des ersten großen Friedhofs der Stadt, Poble Nou, geschaffen. Der Besuch dort wiederum stellt eine Rückkehr zur Friedhofskultur des 19. Jahrhunderts dar. 1775 von Bischof Climent als neue Begräbnisstätte Barcelonas eröffnet, gilt Poble Nou als eines der bedeutendsten Beispiele gotischer Friedhöfe Spaniens. In Katalonien liegen allein neun der zur europäischen Friedhofsroute gehörenden spanischen Friedhöfe.

Und auch der katalanische Modernismus, eine Sonderform des europäischen Jugendstils, findet sich auf den Friedhöfen wieder. So lassen sich auf den städtischen Friedhöfen von Vilanova i la Geltrú und Arenys de Mar in der Provinz Barcelona zahlreiche Grabstätten im Stil des Modernisme finden. Auch der Friedhof von Lloret de Mar an der Costa Brava stellt ein schönes Beispiel für die Sensibilität der Bildhauer und Architekten hinsichtlich der Grabkunst im Modernisme-Stil dar.

Einer der vielleicht schönsten modernistischen Friedhöfe auch aufgrund seiner beeindruckenden Lage außerhalb der kleinen Ortschaft stellt der Friedhof der romanischen Kirche Sant Esteve d’Olius im Landkreis Solsonès in der Provinz Lérida dar. 1916 wurde der wohl einzigartige Friedhof nach den Plänen von Bernardi Martorell, einem Schüler von Antoni Gaudí und Neffe des ebenfalls modernistischen Architekten Joan Martorell eröffnet. Das Gelände für den Bau des neuen Friedhofs wählte man damals ganz bewusst, bestand und besteht es bis heute aus zahlreichen umgestürzten Felsen und schattenspendenden Steineichen. Leben und Tod als Sinnbilder eines christlichen Friedhofs sollten durch die immergrünen Eichen und die leblosen Felsen verkörpert werden. Den Eingang bildet ein für Gaudí typischer Parabolbogen. Die Gräber und Grabmäler, die in die Felsen gehauen wurden, ziehen sich entlang dieser faszinierenden Landschaft. Konische Kreuze, die wie schlanke hohe Nadeln auf kleinen Steintürmen sitzen, werden am höchsten Punkt des Geländes durch ein Doppelkreuz abgelöst, an dessen Fuß sich das Grab der Rektoren von Olius befindet. Bis heute hat dieser Friedhof nichts von seiner Schönheit eingebüßt, denn die Einwohner des Ortes ließen die charakteristischen Merkmale dieses einmaligen Ortes unangetastet.

In die natürliche Landschaft eingefügt wurde auch der Friedhof von Igualada, in der Provinz Barcelona. Der moderne Friedhof, der als Werk der Architekten Enric Miralles und Carme Pinóspara 1994 eröffnet wurde, soll schon von seiner Gestaltung her ein Ort der Reflexion und Erinnerung sein. Er präsentiert sich als Park mit aufeinanderfolgenden Räumen, die sich den Landschaftsstufen anpassen, so als seien sie ein natürlicher Teil, eine Fortsetzung dieser sie umgebenden Landschaft. Dieser neue Typ der Friedhofsarchitektur wurde bereits im Jahr 1992 mit dem angesehenen spanischen FAD Architekturpreis ausgezeichnet.

Nicht neu, aber einzigartig sind bis heute die unterirdischen Galerien des Städtischen Friedhofs von San Antonio Abad in Alcoy in der Provinz Alicante. Die kleine Stadt im Hinterland der Costa Blanca hat ihrem Friedhof einen eigenen touristischen Rundgang gewidmet unter dem Titel „Alcoy – Die schlafende Stadt“
(www.alcoi.org)

Ein Sprung in den Norden ans Kantabrische Meer führt auf den Friedhof Polloe in San Sebastián. Der Hauptfriedhof der baskischen Stadt wurde vor knapp 130 Jahren eröffnet. Das erste Begräbnis datiert auf den 12. August 1878. Wie viele spanische Städte des auslaufenden 19. Jahrhunderts transportierte auch San Sebastián das Konzept der bürgerlichen städtischen Expansion auf seinen Friedhof in Form einer orthogonalen Anordnung mit breiten Alleen, die von schmäleren Wegen durchschnitten wurden. In den hierdurch entstandenen Einfriedungen wurden die Gräber in hierarchischer Ordnung errichtet: Von den prachtvollen Familiengruften und prächtig dekorierten Grabmälern in der Nähe des Eingangs bis zu den Gemeindegräbern am Ende des Friedhofs. Eine der hervorstechendsten Charakteristiken dieses Friedhofs, der starke gotische Einflüsse aufweist, ist neben der strukturellen Anordnung vor allem die Tatsache, dass Katholiken und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften zwar mit separatem Eingang, aber doch auf demselben Friedhof beerdigt wurden, was zu früheren Zeiten und an anderen Orten nicht möglich war. So gibt es eine Aufteilung des Friedhofs für Gräber von „Dissidenten“ und „Bürgern“ sowie einen weiteren für „Nichtkatholiken“.

In der Nachbarregion Kantabrien wartet die Hauptstadt Santander ebenfalls mit einem bedeutenden Friedhof innerhalb der europäischen Friedhofsroute auf. An den Grabmälern des Ciriego Friedhofs arbeiteten neben dem städtischen und prämierten Architekten Casimiro Pérez de la Riva die bekanntesten Architekten und Bildhauer der Region. De la Riva selbst bezeichnete den Friedhof als „ein prachtvolles Museum historischer und künstlerischer Monumente“.

Einer der schönsten Friedhöfe Kantabriens befindet sich allerdings zweifelsohne in Comillas. Auf einem Hügel gelegen, mit Blick über das Kantabrische Meern, trifft der Besucher hier auf eine Reihe von neoklassizistischen und gotischen Grabmälern und Pantheons mit erstaunlichen Skulpturen von Engeln und religiösen Figuren, die zum Leben erwacht scheinen. Eine der berühmtesten ist der Schutzengel aus Marmor des Modernisten Luis Doménech i Montaner.

Ebenfalls hoch über dem Kantabrischen Meer leuchten die weißen Kuppeln und Türme des Friedhofs von Luarca im hellen Sonnenlicht. Begleitet vom Rufen der Möwen und mit weitem Blick über das Meer heißt es hier im Angesicht der Endlichkeit, den Moment zu genießen, tief den Duft des salzigen Meeres und der Pinien einzuatmen und dem Klang der an die Felsen schlagenden Wellen zu lauschen.

Nicht nur in der prächtigen Architektur ihrer Häuser und Villen erkennt man den Wohlstand der „Indianos“, der einst aus Kuba und den neuen Kolonien zurückgekehrten Auswanderer Asturiens. Auch auf dem Friedhof La Carriona in Avilés manifestiert sich ihr Reichtum an großartigen Grabmälern im Stil des Neoklassizismus, Symbolismus oder zahlreichen mittelalterlichen Einflüssen. Wunderschöne Felsengräber und Skulpturen voller Allegorien von herausragenden Künstlern wie Cipriano Folgueras, Manuel del Busto oder Federico Ureña sorgen dafür, dass der Friedhofsspaziergang hier zu einem kunsthistorischen Genuss wird.

Die Reise geht weiter entlang der Nordküste. Einsam an der rauen Todesküste, der „Costa do Morte“, liegt der steinerne „Friedhof der Engländer“ von Camariñas in Galicien. Dort finden sich, umgeben von einer Mauer, die schlichten Gräber der Besatzungen von rund 20 Schiffen, die hier an den gefährlichen Klippen der Todesküste zerschellten und sanken. Als eines der dramatischsten Unglücke galt die Havarie der „Serpent“ am 10. November 1890. Als das englische Schiff an jenem grauen Novembertag sank, überlebten nur drei Personen, während 179 Besatzungsmitglieder ihr Leben ließen, der Großteil von ihnen Schüler der britischen Marine.

Durch ein schmiedeeisernes Tor betritt man, ebenfalls in der Provinz La Coruña und direkt am Meer gelegen, den Friedhof von San Amaro. 1813 eingeweiht, gehört auch er zur europäischen Friedhofsroute und ist einer der bedeutendsten Friedhöfe Galiciens. Eingeteilt in drei Zonen – religiös, zivil und britisch – entdeckt man auf den Grabmälern eine Vielzahl von keltischen Symbolen, und es finden sich einige imposante Beispiele neoklassizistischer Architektur. Zwei beeindruckende Denkmäler schmücken den Friedhof: Zum einen das Monument an die „Märtyrer der Freiheit“, erbaut an der Stelle, an der einst gefallene deutsche Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg ruhten, die jetzt auf dem deutschen Friedhof von Cuacos de Yuste in der Extremadura begraben sind. Und zum zweiten eine kunstvolle Säule zum Gedenken an einen Generalstreik von 1901.

Zum Abschluss führt unser Friedhofsbummel nach Andalusien. Auf dem Friedhof von Monturque in der Provinz Córdoba kann man tatsächlich hinuntersteigen in die Unterwelt. Mehr als tausend Jahre lagen hier unbemerkt die zwölf, von Halbbögen bedeckten Kammern römischer Zisternen. Als der Friedhof schließlich im Jahr 1885 errichtet wurde, entdeckte man die riesigen römischen Wasserspeicher, die heute besucht werden können. Hinter dem Friedhof wurde darüber hinaus der untere Teil eines großen römischen öffentlichen Gebäudes ausgegraben, den Wissenschaftler für einen Kryptoportikus halten.

Die Reste eines alten Nasridenpalastes, des Palacio Árabe de los Alixares, großartige Beispiele der Bildhauerkunst und Friedhofsarchitektur von spanischen und internationalen Künstlern des 19., 20. und 21. Jahrhunderts, abgerundet vom Blick auf die Gipfel der Sierra Nevada, machen den Friedhof San José von Granada aus, der noch dazu ein Teil des historischen und landschaftlichen Alhambra-Komplexes bildet. In der sogenannten Dehesa, den Außenbereichen des Generalife begann man 1805 mit dem Bau des zweitältesten städtischen Friedhofs Spaniens. Besonders schön sind die nächtlichen Besichtigungen des Friedhofs von San José in Granada
(http://granadaatraves.com)

Der älteste protestantische Friedhof Spaniens aus dem Jahr 1831 ist der englische Friedhof von Málaga, „El Inglés“ oder Friedhof San Jorge. Inmitten des Zentrums der Stadt erstreckt sich dieser imposante Friedhof wie ein botanischer Garten mit exotischen Bäumen und Pflanzen zwischen denen sich die prächtigen Grabmäler im Stil des Klassizismus, der Neugotik oder des Modernismus befinden.
(www.cementerioinglesmalaga.org)

Von Málaga in die Berge der nahen Axarquía liegt zu Füssen des weißen Dorfes von Sayalonga der ebenfalls blendend weiße Friedhof des kleinen Ortes. Das eigentümliche aber ist nicht das blendende Weiß dieser Ruhestätte. Sayalonga verfügt über den einzigen oktogonalen Friedhof Spaniens. Im Jahr 1840 errichtet, ist für den einheimischen Historiker Valentín Fernández vor allen Dingen die Freimaurersymbolik, die sich auf diesem einzigartigen Friedhof findet, charakteristisch. Nach einer ausgiebigen Untersuchung fand er seine Theorie in den zahlreichen Elementen mit Freimaurersymbolik untermauert. So stehen seiner Ansicht nach die Säulen für Weisheit, Stärke und Schönheit. Die Dreiecke repräsentieren Perfektion und Harmonie. Die Treppen aus drei Stufen symbolisieren den Weg, der zur Perfektion führt. Die Pyramidenstümpfe beziehen sich auf die Erhöhung des menschlichen Gedankenguts. Und die Sonne symbolisiert die Sonnenwende, jene für die Freimaurer so bedeutenden Momente im Lauf eines Jahres.

Weitere Informationen zu besuchenswerten Friedenhöfen Spaniens unter: http://www.spain.info/de_DE/reportajes/cementerios_singulares_espana.html


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