DOKUMENTATION

Trauern und Feiern in Blau und Weiß – Die Karwoche von Lorca


Alljährlich in der Osterwoche verwandelt sich Lorca im Hinterland von Murcias Costa Cálida in die Kulisse eines Historienspektakels par excellence.

Sechs Bruderschaften bereiten sich das ganze Jahr über auf die 10 Prozessionen der Karwoche Lorcas zwischen dem Freitag vor Palmsonntag und dem Ostersonntag vor. Die berühmtesten Bruderschaften sind die des Paso Azul und des Paso Blanco. „Paso“ nennt man für gewöhnlich die prächtig geschmückten Tragen, auf denen die Heiligenbilder und Szenen aus der Leidensgeschichte Jesu im Rahmen der Prozession durch die Straßen getragen werden. Hier in Lorca bedeutet Paso auch gleichzeitig Bruderschaft.

Die Geschichte der Karwoche Lorcas, die sich im Wesentlichen von den anderen Karwochen-Ereignissen in Spanien darin unterscheidet, dass die gesamte Bibelgeschichte in den Prozessionen des Karfreitag und Gründonnerstag vor den Augen der Tausende von Zuschauern abspielt, reicht weit zurück. Die ersten Bruderschaften formierten sich im 16. Jahrhundert rund um die ersten Ordensklöster, die sich in Lorca angesiedelt hatten. So ist bis heute der Sitz der Bruderschaft des Paso Azul die Kirche des damaligen Konvents der Franziskaner. Der Sitz der heutigen Bruderschaft Paso Blanco ist Santo Domingo, einstiger Sitz des Ordens vom Konvent Nuestra Señora de Piedad, Santo Domingo.

Nach der Desamortisation durch Mendizábal in der Mitte des 19. Jahrhunderts beschloss die Kirche in Lorca das Fest wiedereinzuführen. Da aber ein Großteil der Heiligendarstellungen fehlte, wurde beschlossen, das Leben, die Passion und den Tod Christi als „lebendige“ Katechese für die Menschen von Lorca „live“ darzustellen. Bis zum heutigen Tag hat sich daraus im Laufe der Jahrzehnte die gesamte Darstellung der Bibelgeschichte in den großen Prozessionen am Gründonnerstag und Karfreitag. entwickelt.

Die Namen der heute bestehenden sechs Bruderschaften haben ihre Namen von der Farbe ihrer Tunikas: Paso Azul, die blaue Bruderschaft, Paso Blanco – die Weißen, Encarnado – fleischfarben, Morado – dunkelviolett, Negro de la Curia – die schwarze Bruderschaft. Die sechste Bruderschaft nennt sich nach dem auferstandenen Jesus Archicofradía de Jesús Rescucitado.

Die Atmosphäre in dieser ganz besonderen Woche in der Stadt, die von den Resten einer maurischen Burganlage gekrönt wird, ist unbeschreiblich. Das ganze Städtchen scheint auf den Beinen zu sein. Nicht nur zu den Prozessionen trifft man sich in den Straßen und auf den Plätzen. Die Hauptziele der Menschen sind zum einen die Ausstellungsräume der Bruderschaften, wie die San Francisco-Kirche des Paso Azul oder der Komplex von Santo Domingo des Paso Blanco. Hier werden aus nächster Nähe die großartigen Gewänder bewundert, die die Stickerinnen von Lorca in stundenlanger Handarbeit kunstvoll bestickt haben und die während der Prozessionen am Donnerstag und Freitag die Protagonisten auf ihren Pferden und Wagen tragen. Kunstvolle Stickerei aus Seide, Gold- und Silberbrokat, die die Stadt Lorca über ihre Grenzen berühmt gemacht hat und die sich mittlerweile um den Titel als immaterielles Kulturgut der UNESCO beworben hat.

Oder man bummelt in den „prozessions-freien“ Stunden bei angenehmen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein über den Kunsthandwerksmarkt an der gemütlichen Plaza Calderón, um sich anschließend in einem der vielen Cafés oder Weinbars mit Freunden zu treffen.

Am Gründonnerstag und Karfreitag lohnt sich auch ein Besuch der Pferdestallungen, wo die letzten Vorbereitungen für die beiden großen Prozessionen am Abend in Gange sind. Die mehr als 200 prachtvollen Pferde sind mittlerweile aus ganz Spanien eingetroffen. Es wird geprobt und organisiert, die Kutschen werden geschmückt und vorbereitet.

Die traditionellen Prozessionen finden in den älteren Stadtvierteln meist in den späten Abendstunden statt. Die mit Kapuzen und langen Gewändern bekleideten und langsam im Wiegeschritt dahinschreitenden Büßer, das flackernde Licht der Fackeln, Stille und der Gesang der „Saeta“, ein dem Flamenco ähnlichen Klagegesang, und die reich geschmückten Heiligendarstellungen charakterisieren sie. Da ist zum Beispiel die beeindruckende „Prozession der Stille“ am Gründonnerstag im Stadtviertel von San Cristobal oder die feierliche, fröhliche Prozession der Auferstehung am Ostersonntag. Die vier wichtigsten Prozessionen, am Freitag vor Palmsonntag, am Palmsonntag selbst, Gründonnerstag und Karfreitag ziehen durch die Avenida Juan Carlos I. In der Nacht des Gründonnerstag auf den Karfreitag begeben sich Hunderte von Menschen hinauf auf den Kalvarienberg von Lorca im Rahmen der Bußprozession der Via Crucis bis zur Gnadenkapelle über der Stadt. Die bis heute gesprochenen Texte des hier gebeteten Kreuzweges wurden seit dem 18. Jahrhundert von Generation zu Generation nur mündlich weitergegeben. Nur das sanfte Licht der den Weg säumenden Laternen und ein sternenbedeckter Himmel durchbrechen die Dunkelheit und das leise Raunen der betenden Menschen die Stille der Nacht.

Am Karfreitag schließlich wartet der absolute Höhepunkt der Karwoche und alle strömen zur Avenida Juan Carlos I, „La Carrera“ genannt, entlang der Zuschauertribünen aufgestellt sind. Für die Prozessionen am Gründonnerstag und Karfreitag und einen Sitzplatz auf den Tribünen benötigt man Eintrittskarten. An die 10.000 Zuschauer verfolgen das großartige Schauspiel. Die Anhänger und Mitglieder der blauen und weißen Bruderschaft sitzen sich gegenüber, schwenken Tücher und versuchen sich mit ihren Jubelrufen zu übertreffen, wenn die Reiter, Gruppen und Wagen ihrer jeweils eigenen Bruderschaft vorbeiziehen. Jetzt geht es darum, wer die schönsten und prächtigsten Wagen hat, wer die kühnsten Reiter, die rassigsten Pferde und besten Streitwagen ins Feld führt und welcher Paso, welche Darstellung bei den Zuschauern die meisten Emotionen weckt.

Gegen 20.00 Uhr beginnt ein fast fünfstündiges Spektakel, das seinesgleichen sucht. Die gesamte Geschichte des Alten und Neuen Testaments zieht an einem vorüber: Etrusker, Römer, Äthiopier, Ägypter auf ihren Pferden und Streitwagen, spektakuläre Pferde- und Wagenrennen, Nero, Salomon, Moses, Kaiser Augustus, selbst Cleopatra, und zahlreiche bekannte und weniger bekannte Personen aus der Bibelgeschichte ziehen vorbei in goldbestickten, prachtvollen Kostümen. Man wähnt sich inmitten eines Historienfilms mit mehr als 250 Pferden, Dutzenden von Pferdewagen, Tausenden von Akteuren, Musik und einem Meer aus Blau und Weiß der begeisterten Besucher und Einwohner Lorcas, die diese, bis zur Perfektion vorgetragene Geschichte des Christentums miterleben und feiern.

Ganz zum Schluss folgen die Wagen mit den Szenen der Passion, des gekreuzigten Christus und seiner leidenden Mutter, eingehüllt in einer unglaublichen Wolke aus Rosenblüten, die die jubelnden Menschen von den Balkonen und Fenstern der umliegenden Häuser auf die vorbeiziehenden Pasos herunterregnen lassen.

Die Karwoche von Lorca ist zweifelsohne eines der am meisten beeindruckenden Feste Spaniens zur Osterzeit. Die milden Temperaturen tun ihr übriges, um die ganzjährig sonnenverwöhnte Region zu einem idealen Reiseziel in den Osterferien zu machen.

Informationen zur Karwoche in Lorca im Internet unter: http://www.spain.info/de_DE/que-quieres/agenda/fiestas/murcia/semana_santa_de_lorca.html

Sowie:
http://lorcaturismo.es/elcortejo/elcortejo.asp?id=8&lang=de


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