DOKUMENTATION

Die „Bajada de la Virgen“ auf El Hierro



In etwas mehr als zwei Monaten beginnt das wichtigste Fest auf der kleinsten der Kanarischen Inseln. Dann steigt die Schutzpatronin, die Jungfrau der Könige, von ihrer Wallfahrtskirche hinab in die Hauptstadt Valverde in einer festlichen Prozession von 28 Kilometern.

Schon laufen die Vorbereitungen für das größte Fest El Hierros, die „Bajada de la Virgen“, das „Hinabsteigen der Jungfrau“ von ihrer Wallfahrtskirche im Süden der Insel bis nach Valverde, der stillen Inselhauptstadt. Fassaden werden bereits jetzt gereinigt und gestrichen, die Pflasterung von Plätzen und Straßen, über die die Jungfrau zieht, wird ausgebessert. Für das Fest, das nur alle vier Jahre stattfindet, soll die Insel im Hochglanz erstrahlen. Am ersten Samstag im Juli ist es soweit. Dann verwandelt sich die Stille der Hochweiden des Südwestens von El Hierro, ein Gebiet, in dem normalerweise Hirten ihre Ziegen und Schafe in der Einsamkeit weiden, in ein Meer aus Farben und Musik. Hier oben liegt zwischen grünen Büschen versteckt die weißgetünchte Kapelle der Inselheiligen, die Ermita de Virgen de los Reyes. Über der Ermita liegt die Montaña de las Cuevas, ein Bergrücken mit zahlreichen Höhlen, in denen ein Teil der Wallfahrer die Nacht vor der Bajada verbracht haben.

Unter der Begleitung der typischen Instrumente der Herreños, tambor, chácara und pito beginnen die Lieder zu Ehren der Jungfrau. Der Tambor ist eine, ausschließlich von Männern gespielte große Trommel, die mit einem Gürtel über Nacken und Schultern getragen werden. Die chácaras sind Kastagnetten aus Holz und dazu spielt die pito, eine Blechflöte, die ins Ohr gehenden, einfachen Melodien. Jetzt kommen auch die Prozessionstänzer zusammen, Männer und Frauen, die ganz in Weiß und Rot gekleidet sind und die verschiedenen Prozessionstänze zu Ehren der Patronin auf ihrem Weg durch die Landschaften und Dörfer bis in die Hauptstadt vortragen. Alle tragen sie weiße Hosen, darüber ein kurzes weißes Spitzenröckchen mit roter Schürze, ein weißes Hemd und um die Schultern einen kurzen roten Umhang. Der Kopf ist mit einer Mütze in Haubenform aus rot-weißen Papierblumen bekleidet. In ihren Händen halten sie die typischen hölzernen Kastagnetten, die im Verlauf ihrer Tänze im Rhythmus klappern.

Immer wieder ertönt an diesem Tag, wie an allen der folgenden Festtagen, an denen die Jungfrau über die Insel von Dorf zu Dorf wandert, der Ruf „Viva la Virgen“, „Es lebe die Jungfrau“. Früh morgens beginnt der Samstag mit einer Messe. Hunderte von Pilgern warten vor der Kapelle. Kaum ein Herreño, der noch mitlaufen kann, würde zu Hause bleiben und viele, die nicht mehr auf der Insel leben, kommen für dieses Fest in ihre Heimat zurück. Es ist ein großer Augenblick, wenn die Madonnenfigur in einer Holz-Sänfte auf den Schultern der Hirten über die Schwelle der Kapelle getragen wird. Und dann beginnt der unermüdliche Tanz der Bailarines, der Tänzer und Tänzerinnen, der nicht endet auf diesen 28 Kilometern Weg bis zum Abend. Sie tanzen vor den Trommlern und Flötenspielern, die vor der Sänfte der Madonna schreiten. Ob Steigung oder Abstieg, auf diesem Weg passt sich der Tanzrythmus immer den Gegebenheiten auf der Strecke an. Jede wichtige Gemeinde El Hierros sendet eine Gruppe von Musikern und Tänzern. Hinter der Sänfte gehen wie seit Hunderten von Jahren die Hirten mit ihren Hirtenstöcken. So geht es von den grünen, oft auch kargen Hochweiden an sanften Vulkanrücken vorbei, durch Pinienwälder und fruchtbare Täler Kilometer um Kilometer weit gen Norden. Gegen Mittag erreichen die Wallfahrer einen Platz, der das „Kreuz der Könige“, Cruz de los Reyes heißt. Hier haben zahlreiche Angehörige der Pilger ein riesiges Picknick vorbereitet. Auf dem Waldboden liegen weiße Tücher ausgebreitet, für reichliches Essen und Trinken ist gesorgt. Danach geht der Weg weiter quer über die Insel bis nach Valverde in den Norden, wo sich diejenigen in und um die Kirche versammelt haben, die die weite Strecke nicht mehr mitgehen können. Hier angelangt, wird ein letzter ausgelassener Tanz zu Ehren der Jungfrau getanzt, ehe dieser erste Tag eines Festes, das einen Monat lang währen soll, endet.

Valverde versinkt in diesem kommenden Monat, in dem die Jungfrau in der Hauptkirche verehrt wird, in Fiestastimmung mit Feuerwerken, Folklore und täglichen Messen, zu denen sich die Herreños einfinden. Es sind Tage der Anbetung und Opfergaben, die die einzelnen Institutionen und Gemeinden der Schutzpatronin darbringen. Tage, in denen man die in den letzten vier Jahren geborenen Kinder zur Schutzpatronin bringt und die Kranken ihrem Schutz anbefiehlt. Zur grossen „Fiesta Real“ nach 9 Tagen kommen die Einwohner aller Dörfer der Insel mit ihrem eigenen Schutzpatron nochmals in die Hauptstadt und begleiten die Madonna auf einer grossen Prozession durch die Strassen der Stadt. Danach besucht die Schutzpatronin die wichtigsten Gemeinden der Insel. Immer feiert natürlich auch dieses Dorf im Anschluss seine Fiesta. Die Virgen de los Reyes ist die Schutzpatronin der ganzen Insel, die man um alles bitten kann. Und das seit vielen Jahrhunderten.

Seefahrer, denen der Proviant ausgegangen war und die ein Unwetter an die Küste von Orchilla getrieben hatte, hatten den Hirten am Dreikönigsfest, dem 06. Januar 1546 die Madonnenfigur im Austausch gegen Lebensmittel überlassen. In einer Höhle nahe den Weidegebieten wurde sie von ihnen aufbewahrt und verehrt. Im 17. Jh. waren es wieder die Hirten, die die Madonna nach einer langen Dürreperiode in einer Bittprozession, um Regen bittend, nach Valverde trugen. Prompt hatte es daraufhin angefangen tagelang zu regnen. Nun erhielt die Madonna ihre kleine Kapelle, und man erklärte die „Heilige Jungfrau der Drei Könige“ – der Name wurde ihr in Anlehnung an den Tag ihrer Ankunft auf der Insel gegeben – zur Schutzpatronin „de las Aguas“, „der Wasser“. Als 1740 wieder eine Trockenperiode die Landwirtschaft gefährdete, holte man die Schutzpatronin erneut nach Valverde und wiederum setzte heftiger Regen ein. Woraufhin am 26. Januar 1741 eine Gruppe führender Persönlichkeiten der Insel eine Erklärung aufsetzten, in der sie sich im Namen der Herreños verpflichteten, die Prozession alle vier Jahre durchzuführen. Und dieses Jahr ist es schließlich am 06. Juli wieder soweit.

Informationen zu El Hierro und dem Fest der Bajada unter:

www.elhierro.travel
www.spain.info


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